Ungeordneter Rückzug einer Lichtgestalt

4. März 2011

Man hat es geahnt: Zu Guttenberg ist weg, aber irgendwie ist er nicht schuld. Wie können „Bild“ und hunderttausende Leser auch irren. Das bisschen „Schummeln“ kann es nicht gewesen sei. Aber wenn Medien, Opposition und Wissenschaft mit Kanonen schießen, müssen selbst Paradiesvögel Federn lassen. Nachdem sich der Pulverdampf verzogen hatte, wurde immer deutlicher, dass mal wieder die Kommunikation versagte.

Hätte er sich rechtzeitig Schützenhilfe beim Kollegen Finanzminister geholt, wäre dem Oberbefehlshaber in Friedenszeiten die Niederlage erspart geblieben. Wolfgang Schäuble hatte Anfang November vergangenen Jahres seinen Sprecher vor laufenden Kameras zur Sau gemacht, weil Papiere nicht rechtzeitig an Journalisten verteilt worden waren.

Der rüde Auftritt wurde zum Hit bei YouTube, brachte Schäuble heftige Kritik ein und trieb ihn nahe an den Rand des Rücktritts. Doch Schäubles offensive Taktik gegen flächendeckendes Kommunikationsversagen –vulgo: PK ohne Pressemappe – erwies sich am Ende als überlegen. Der Sprecher ist weg und Schäuble immer noch da.

Die Möglichkeit, durch überlegene Feuerkraft entscheidenden Geländegewinn zu erreichen, hat der noble Minister verpasst. Vielleicht hat sich auch der unermüdliche Einsatz in der Etappe für Bild, BamS, Bunte und Kerner nachteilig auf die zentrale Kommandostruktur im Hirn (oder im Bauch?) des Verteidigungsministers ausgewirkt.

Dabei hatte der Freiherr lange Zeit seine Truppen fest im Griff. Innerhalb kurzer Zeit gelang es, ihn als Lichtgestalt des Boulevards, Deutschlands größtes politisches Talent und „ganz anderen Politiker“ zu positionieren – an sich kein schlechter Einfall der schnellen PR-Eingreiftruppe. Auch wenn ihm hin und wieder Bedenken an der Arbeit seiner Richtschützen hätten kommen können. Zum Beispiel als er mitten in der größten Krise des Jahrhunderts in Hollywoodmanier am Broadway posieren musste. Oder als sie ihm rieten, auf dem Weg nach Afghanistan in der Transall gut ausgeleuchtet in Schlips und Kragen den Oberbefehlshaber zu geben.

In der Kunduz-Affäre dann drängte sich zeitweise der Eindruck auf, als sei die Stabsabteilung Kommunikation komplett auf Heimaturlaub. Spätestens aber als seine Frau im Kampf gegen Kindesmissbrauch in eine Pranger-Sendung im Big-brother-Kanal entsandt wurde oder er nach einem sechsstündigen Rückflug von Afghanistan in Fliegerjacke und Kampfstiefeln, (Bild: „Unter Guttenbergs schweren Stiefeln klebt noch der helle Sand vom Hindukusch“), auf der Gala der Aktion „Ein Herz für Kinder“ paradieren musste, hätte ihm klar werden müssen, dass er unter friendly-fire geraten war. Doch der Freiherr – noblesse oblige – ließ die Flügeladjutanten weiter seine Federn spreizen.

Als die gegnerischen Truppen dann schweres Geschütz auffuhren, zu Guttenberg unter ein Trommelfeuer aus Plagiats-, Täuschungs- und Betrugsvorwürfen geriet, blieb die Gegenoffensive schnell in dem alten Pionier-Motto stecken: täuschen, tarnen und verpissen. Dass die Salami-Taktik von „abstruse Anwürfe“ bis „ich habe wohl die Übersicht verloren“ nichts war als Scheiben-Kleister, ist in jedem mittelmäßigen Handbuch für Kriseneinsatz nachzulesen.

Aber zu diesem Zeitpunkt hatten die Spitzenkräfte der Kommunikation schon volle Deckung gesucht und dem Oberbefehlshaber standen nur noch schlecht ausgebildete Fußtruppen zur Seite. Wie anders ist es zu erklären, das ihm Sätze aufgeschrieben wurden wie „Ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone vorübergehend, auf das Führen des Titels verzichten“. Warum ließ man ihn allein, als der wortgewaltige und medienaffine sich beim ersten Anlauf seiner ersten Erklärung verhaspelte und in die stammelte „Ist das life, nein das ist nicht life oder?“. (War es übrigens nicht, die Kameras liefen trotzdem, zu erkennen an dem kleinen roten Licht) Oder wie konnte ein Sprecher vor den nicht gänzlich uneitlen Mitgliedern der Bundespressekonferenz schwadronieren, der Minister gebe gerade eine Erklärung vor „ausgesuchten Journalisten“ ab? Und warum strich ihm schließlich niemand den Bezug zu den getöteten Soldaten aus seiner Kapitulationserklärung?

Viel Stoff für Manöverkritik. An deren Beginn gehört allerdings die wichtigste Frage: War der Minister a.D. nur schlecht beraten oder beratungsresistent?