Die Latte liegt bei 720 Milliarden

21. Mai 2010

Vier Jahre nach dem Sommermärchen 2006 und knapp drei Wochen vor der WM in Südafrika steht der Trainer der deutschen Nationalmannschaft im Regen: Vertragssituation unklar, Ballacks Syndesmoseband gerissen und die Stammspieler aus Bayern haben vor lauter Erfolg keine Zeit für die WM-Vorbereitung. Viel schlimmer aber, seine Landsleute, sonst vor großen Turnieren ein einig Volk von Assistenz-Trainern und verlässliches Reservoir für Experten-Tipps zu Strategie und Taktik auf dem Rasen, fallen aus.

Statt in aller Ruhe die Entscheidung zwischen Glotze und Public Viewing treffen zu können, werden die Deutschen derzeit selbst ins Trainingslager getrieben, um Crash-Kurse in Volks-, Betriebs- und Finanzwirtschaft zu absolvieren. Es geht um Finanztransaktionssteuern, Finanzaktivitätssteuern, Credit Default Swaps, Leeverkäufe, Collateralized debt obligations – Tag und Nacht auf allen Kanälen.

Nebenbei erfahren sie, wie unendlich schwierig es war, 110 Milliarden für Griechenland einzusammeln, nach der NRW-Wahl – all business is local – 720 Milliarden für die anderen Wackelkandidaten in Euroland aber quasi über Nacht bereitgestellt wurden. Nun kann sich über einen Mangel an Informationen wirklich niemand beklagen. Allein, es fehlt am Erkenntnisgewinn. Es gibt ebenso viele echte wie selbsternannte Experten, die jeweils dafür oder dagegen sind. Die Süddeutsche Zeitung erhob diese Form des Pluralismus zur Methode und beantwortete die Frage „Ist es richtig, Leeverkäufe zu verbieten?“ in zwei Kommentaren mit „Ja“ und „Nein“.

Aber nicht einmal dieser Rückgriff auf die Bibel („Eure Rede aber sei: ja, ja; nein, nein…“ Mattäus 5,33) führt aus dem Dilemma. Von der Informationsflut bleibt bei den meisten vermutlich ohnehin nur hängen, was Heribert Prantl in der SZ „irgendeine Finanzdingsbums-Steuer“ nennt. Derweil verliert die Politik schneller an Vertrauen als der Euro an Wert, weil sie sehr überzeugend das Gefühl vermittelt, auch nicht zu wissen, was zu tun ist. Und die Aussicht, dass es der Markt richtet, ist nach den Erfahrungen der letzten Zeit mehr Drohung als Hoffnung.

Wie so oft in schwierigen Situationen, gibt es wahrscheinlich kein Patentrezept. Aber eine Strategie wäre schon hilfreich. Da es offensichtlich drängt, wäre vielleicht eine kurze Pause im politischen Klein-Klein um AKW-Laufzeiten, Kopfpauschale und Kindergeld angebracht, um über den eigenen Schatten zu springen.

Die Latte liegt bei 720 Milliarden. Also Sachverstand sammeln und zur Not ab ins Konklave bis weißer Rauch kommt. Das längste Konklave nach dem Tod von Clemens IV. dauerte zwar 1005 Tage, fand aber ein schnelles Ende, nachdem man den Kardinälen nur noch Wasser und Brot gereicht hatte.

Die Zeichen für ein Sommermärchen 2010 stehen aber so oder so schlecht – schon deshalb weil Herr Kachelmann den Sommer offensichtlich mit hinter Gitter genommen hat.