Lange Leitungen gegen Bugattis

17. Februar 2011

Es war eigentlich ein ganz normaler Mittwoch. Einzigartig war höchstens das Datum: 16. Februar 2011. Aber schon die Ausbeute an Storys zum Thema an einem Tag wundert nicht mehr:

• Der als Weltbörse gefeierte Zusammenschluss der Deutschen und der New Yorker Börse könne vor allem noch am Streit um den neuen Namen scheitern.

• Staatsanwälte fielen bei VW und Telekom ein, weil der Telefonriese den VFB Wolfsburg sponsern wollte, wenn im Gegenzug VW entsprechende Aufträge bei der Telekom platzieren würde.

• Eon und RWE bestätigten Berichte, dass sie Umweltschützer von Sicherheitsfirmen überwachen ließen.

• Verteidigungsminister zu Guttenberg soll Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben, ohne die Quellen zu nennen, bezeichnet die Vorwürfe aber als abstrus.

Nun hat niemand von den Betroffenen behauptet, dass es einfach an diesem vermaledeiten Mittwoch liege, dass die Dinge nicht so ganz rund laufen. Vermutlich hat hier der professionelle Hinweis der hauseigenen Kommunikationsabteilungen noch gefruchtet: Der Tag ist eher willkürlich gewählt, auch an anderen Tagen lassen sich solche oder ähnliche Geschichten lesen oder hören.

Das war’s dann aber schon an Krisenbewältigung im öffentlichen Raum, von Prävention ganz zu schweigen. Wie die Strategen bei einer Milliarden-Fusion die Bedeutung des neuen Namens der Firma so unterschätzen können, bleibt unerklärlich. Welche Befindlichkeiten nach Innen und Außen davon berührt sind, welche Bedeutung der Name für Marketing und Kommunikation hat, machen nicht nur die vielen Beispiele der jüngeren Vergangenheit deutlich, sondern könnte sich sogar auf dem Wege des Nachdenkens erschließen.

Zumal, wenn es sich um nationalstaatliche Institutionen handelt, zwischen deren unterschiedlichen Kulturen immerhin ein Ozean liegt. Wer sein Baby ohne Namen mit solchem Aplomb präsentiert, dem mangelt es entweder an Voraussicht oder an Ernsthaftigkeit. Beides ist für die fast sprichwörtliche Sensibilität des Geschäfts auf dem Parkett nicht förderlich.

Welche Vorteile es hat, wenn die Telekom den Fußballverein von VW sponsert, um Aufträge aus Wolfsburg zu bekommen, erschließt sich wahrscheinlich nur der Steuer- und Finanzabteilung. Vorstellbar – und noch dazu korrekt – wäre ja auch ein Geschäft Telefonieren gegen Golfs oder besonders lange Leitungen gegen Bugattis.

Immerhin hat bei der Telekom jemand rechtzeitig die Notbremse gezogen und die Staatsanwaltschaft informiert. Der Rat zu größtmöglicher Transparenz hätte aber noch mehr Schaden vom Unternehmen abwenden können. Dass Akten der Staatsanwaltschaft früher oder später bei einem der bekannten Enthüllungsunternehmen aufschlagen, ist sattsam bekannt. Hätte statt der Süddeutschen Zeitung das Unternehmen selbst die Öffentlichkeit informiert, wären die Schatten kleiner und die Kommunikation für ein Lob reif gewesen.

Die Chance haben die Energieriesen Eon und RWE vertan. Ja, Umweltschützer in England (und wo vielleicht noch?) wurden von Sicherheitsfirmen beobachtet – aber selbstverständlich nur über öffentlich zugängliche Informationen und Quellen. Klar, die Sicherheitsfirmen beschäftigen ehemalige Polizei- und Geheimdienstmitarbeiter, um im Internet zu surfen, während die Kommunikationsabteilungen zuschauen, wie die Zitronenfalter Zitronen falten.

Das mag auch spannend sein, hilfreich dagegen wäre die Besinnung auf die Möglichkeiten professioneller Öffentlichkeitsarbeit. Präventions- und Issues Management bieten beim Einsatz geringerer Mittel Aussicht auf größeren Erfolg. Neben Informationen über geplante Aktionen der Gegner eines Unternehmens lassen sich damit auch deren Argumente beschaffen. Die Einladung zum Gespräch darüber machen die vollmundigen Versprechungen von Offenheit und Transparenz, die in Richtlinien, Codes of Ehtic und Hochglanzbroschüren formuliert werden, glaubwürdiger als die alte Taktik „alles leugnen, selbst wenn es Fotos gibt“.

Ganz und gar unkommod ist dagegen die Lage des Verteidigungsministers. Ihm gehen die Optionen aus, besser machen kann er es schon gar nicht mehr. Zu erklären, nicht er, sondern andere wären für die Doktor-Arbeit verantwortlich, ist eher kontraproduktiv. Wenn stimmt, was behauptet wird, hätte er es nur lassen können. Sollten die Gelehrten ihm seinen Doktor aberkennen, kann er nur noch durch die Geschwindigkeit seiner Rücktrittserklärung punkten. Bleibt der jetzt schon erkennbare hässliche Fleck auf seinem Titel, wird der Freiherr im Ministerrang auch keine gute Figur mehr abgeben. Zu abgehoben hat er den Bürgerlichen vorgemacht, dass Adel immer noch verpflichtet. Um den Freiherrn abzugeben, ist es aber auch zu spät. Immerhin hat er noch acht andere Vornamen – vielleicht ließe sich daraus was machen…