Joe Kaeser hat das Heft in der Hand

5. Februar 2018

Einmal im Jahr schauen die Völker der Welt auf Davos. Beim Weltwirtschaftsforum wird viel geredet, meist beim Essen. Das Protokoll lässt bei der Auswahl der Tischnachbarn wenig Spielraum. So saß jüngst direkt neben Siemens-Chef Joe Kaeser der amerikanische Präsident Donald Trump. Kaeser wurde anschließend mit Spot und Anerkennung überschüttet. Anschließend übernahm die Kommunikationsabteilung die Aufräumarbeiten. Das sollte sie besser nochmal üben.

In einer globalisierten, auf Wachstum fixierten Welt schleift die Sprache der Diplomatie auch krasse Gegensätze zu glatten Oberflächen. Joschka Fischer musste das lernen, Sigmar Gabriel verkehrt seine Ausfälle im Wochenwechsel ins Gegenteil. In der jüngeren Geschichte blieb nur Norbert Blüm kantig in Erinnerung, der den chilenischen Diktator Pinochet mit den Worten begrüßte: “Herr Präsident, Sie sind ein Folterknecht.”

Nachdem sich herausgestellt hatte, dass in großen Teilen der Öffentlichkeit die Einladung an die Tafel von Potus nicht als Ritterschlag empfunden worden war, mußten die Polierer des Siemens-Konzerns ran. Wenige Tage nach dem weltweit beachteten Auftritt der Wirtschaftsführer in der Real Life Show des US-Präsidenten vereinbarte die Siemens-Pressestelle ein Gespräch ihres Chefs mit der Süddeutschen Zeitung.

Das war eine gute Idee, den jetzt kam die ganze Wahrheit an den Tag. Überschrift im SZ-Wirtschaftsteil Seite 1: “Ich hatte den ganzen Abend das Heft in der Hand.” Das wurde tatsächlich bis heute vom Weißen Haus nicht dementiert, nicht einmal auf Twitter von “realdonaldtrump”. Klar, der SZ-Auftritt von Joe Kaeser musste ja auch glatt über die Bühne gehen, weil ihm nach der Begegnung mit dem Trump-Kollegen Putin, wie er in dem Intervew zugab, zwei Fehler unterlaufen seien. Nicht in Russland, aber im anschließenden heute journal-Interview mit ZDF-Kleber. Er habe nach der Krim-Krise von “kurzfristigen Turbulenzen” gesprochen und unnötig oft in die Kamera gegrinst: “…das war echt doof und kam völlig falsch rüber.”

Nun sind auch die Führer großer Unternehmen unterschiedlich talentiert im Umgang mit der Öffentlichkeit. Das lässt sich auch mit regelmäßigen Medientainings nur bedingt ändern. Aber abgesehen von der Eloquenz müssen die Botschaften fehlerfrei und verständlich über die Rampe kommen. Das ist die Aufgabe der Kommunikationsexperten, besonders weil auch deutsche Journalisten gegen die Autorisierung von Interviews aufbegehren. Bei den Äußerungen Kaesers in der SZ zum Thema Schließung von Görlitz und Turbinenentwicklung in den USA bleibt beispielsweise ein starkes Gefühl von Opportunismus.

Die Kollegen von der Siemens-Öffentlichkeitsarbeit haben es allerdings auch nicht leicht. So sagt der Vorstandvorsitzende der Süddeutschen Zeitung:”Die Führung eines riesigen Unternehmens wie Siemens …ist kein basisdemokratischer Prozess…Da ist oft eine klare Prioritätensetzung gefragt.”

Da sind dann Trump und Kaeser auch wieder eng beieinander: “Meine älteste Tochter hat vor Kurzem zu mir gesagt: ‘Papa, Jobs sind nun mal ein wichtiger Bestandteil im Leben.’ Das hat mich echt nachdenklich gemacht.”