Weltmeister Griechenland

5. Mai 2010

Möchte man gerade gerne Grieche sein? Klares ja. Vielleicht eher einer mit einer riesigen Tanker-Flotte als unbedingt Lehrer; denn der muss schon mal ein paar Monate auf sein Gehalt warten. Aber nach ein paar tausend Jahren, in denen es die Griechen sogar hin und wieder zum Prädikat Hochkultur brachten, hat das Land viele Krisen und Katastrophen gemeistert. Das verleiht jene Souveränität, mit der dann ein Ministerpräsident vor malerischer Insel-Kulisse den Rest der Welt um ein paar Milliarden für die leeren Kassen bittet.

Zugegeben – in diesen Zeiten gilt Hochkultur bei weitem nicht soviel wie Exportweltmeister. Leider verblasst dieser Titel viel schneller. Zum einen weil er weg ist. Zum anderen weil er offenbar nicht nur auf deutschen Tugenden beruhte, sondern, wie Staatsanwälte zu Tage förderten, häufig auf einer ganz speziellen Art der Kultur – auf einer hoch entwickelten Kultur der Bestechung.

So fällt es den Deutschen offenbar schwer, souverän zu bleiben angesichts der existenzbedrohenden Krise des Euro. Der Finanzminister hält es mit einigen Experten für unumgänglich, dass Euroland sich ohne den IWF aus dem Sumpf zieht. Die Kanzlerin und andere Experten bestehen auf tätiger Hilfe aus Washington. Der Wirtschaftsminister plaudert in Brasilien zu einem frühen Zeitpunkt über den Umfang der Hilfe für Griechenland. Als CDU-Minister, so wird in der Umgebung Merkels kolportiert, hätte er sich die Papiere holen können.

Nun haben Krisen ihre eigene Dynamik. Schadensbegrenzung verlangt vor allem schnelles Handeln nach einem schlichten Muster: Lage analysieren, Lösungen diskutieren, Entscheidungen treffen, umsetzen und wenn nötig anpassen. Das funktioniert allerdings auch bei der bergischen Schraubenfabrik wie im straff organisierten Konzern noch zu selten. Die Erwartungen an die Regierung eines hoch entwickelten, demokratisch geführten Gemeinwesens dürfen da offenbar nicht zu hoch sein. Zumal die Regierung zusätzlich unter dem Druck eines bedeutenden Ereignisses steht: Der Landtagswahl in NRW.

In dieser misslichen Situation sekundierten die Experten des Boulevards: „Ihr griecht nix von uns“, stichelte Bild, auf dem Focus-Titel zeigte die Venus von Milo dem Partnerland den Stinkefinger. Das wurde zu einer Art Leitplanke, an der sich die Koalition entlang hangeln konnte. Guter Rat muss ja nicht teuer sein, befand man in den Reihen der Union und empfahl den Griechen, doch ein paar Inseln zu verkaufen.

Das führte dann jedoch zu etwas Verdruss, nicht nur bei den Demonstranten rund um die Akropolis, sondern auch beim Wirt von der Lindenstraße. Damit war wenigstens auf beiden Seiten das Feindbild klar, aber leider nicht von Dauer. Das Handelsblatt grätschte mit einer eigenen Aktion ins schön bestellte Feld der Vorurteile. Dem Aufruf des Chefredakteurs zur finanziellen Unterstützung Griechenlands folgten Redakteure und Promis, die griechische Staatsanleihen zwischen 5000 und 100 000 Euro zeichneten. Auf der ersten Seite und im Innern großflächig mit Fotos und Zitaten dokumentiert, kam da ganz schön was zusammen von den 110 Milliarden. Da könnten nun aber wirklich ein paar mehr Griechen das Handelsblatt abonnieren.

Trotzdem bleibt das Gefühl, dass alle irgendwie verloren haben – die Griechen, die Deutschen und ihre Regierung. Da hilft aus Kommunikationssicht nur die paradoxe Intervention als Befreiungsschlag: Griechenland muss Fußball-Weltmeister werden. Die Griechen wären wieder wer und das dank eines deutschen Trainers. Die Deutschen müssten nicht erklären, warum es wieder nicht ganz geklappt hat, mit Otto Rehagel aber immerhin ein bisschen. Und schließlich war Griechenland schon Europameister. Das Fakelaki für den Weltcup sollte in den 110 Milliarden wirklich drin sein.