Viel Elend hinter dem Sommermärchen

16. July 2010

Märchen, somit auch Sommermärchen, leben vom schönen Schein und müssen sich in der Regel keinem Faktencheck unterziehen. Also: Völlig überraschend wurde es doch noch einmal richtig Sommer. Das jüngste aller Nationalteams erweist sich wie immer als Turniermannschaft und steigert sich von Spiel zu Spiel. Die mächtigen Gegner mit den gefürchteten Drachen im Sturm können sich der zwingenden Dramaturgie des Märchens nicht entziehen und lassen jeweils vier rein. Und Angela Merkel sieht im Stadion endlich mal wieder aus wie von einem Prinzen geküsst.

Zu den Fakten: Am Ort des Geschehens ist Winter. Die deutsche Mannschaft spielte von Anfang an ziemlich gut, die Gegner aber richtig schlecht. Angela Merkel hat eine ansehnliche Zahl von Kronprinzen über die Klinge springen lassen, ist aber immer noch von Vasallen umgeben, die den Dolch im Gewande führen und erstaunt zusehen, wie sie am eigenen Stuhl sägt.

Es ist kaum zu verstehen: Während die Konjunktur unerwartet stark anzieht, Arbeitslosenzahlen sinken und Steuereinnahmen steigen, gerät die Bundespräsidentenwahl zum Trauerspiel, die Koalition streitet über die Laufzeit von Kernkraftwerken, bei den Steuern geht’s mal rauf mal runter, die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge wird Gesundheitsreform genannt. Merkel verstärkt durch Nichtstun ihr eigenes Elend und die Spitzen der Union – an einem einzigenTag Kauder, von der Leyen, de Maizière und Rüttgers – leisten ihrer Kanzlerin Bärendienste, indem sie sie in Schutz nehmen. Der Herbst hat für Angela Merkel begonnen, bevor das Sommermärchen endet.

Derweil schiebt sich die Opposition in der eigenen Hälfte die Bälle zu, eine stolze Reihe von guten Gelegenheiten werden verdribbelt oder enden als Lattenknaller. Einzig die Grünen sehen wie Gewinner aus – sie machen nicht viel, deshalb auch wenig Fehler und verkaufen das gut.

Nun ist derzeit das Erscheinungsbild der Politik beileibe keine Frage der Kommunikation, sondern eher von Kraut und Rüben. Politik muss wie ein Produkt nicht allen nützen und erst recht nicht allen gefallen. Bei der Politik gibt das Grundgesetz die Grenzen und Pflichten vor, innerhalb derer sich die Akteure um Zustimmung für ihre Ziele bemühen müssen.

Daraus werden in guten Zeiten Programme, die vom Ende her gedacht und in sich konsistent sind. Professionelle PR, die vor allem auf Transparenz und Offenheit pocht, statt sinistre Tricks zu offerieren, kann dann Stärken herausarbeiten, Schwächen vernünftig einordnen und so zum nachhaltigen Erfolg beitragen. Wer alles schön redet und nichts oder gar das Gegenteil tut, der endet wie gerade BP. PR wird dann zum Orchester auf der Titanic.

Allerdings – gute PR muss auch nicht ausschließlich mit Wattebäuschchen werfen. Wenn der Herr vom Steuerzahlerbund meint, er müsse Angela Merkel auch noch die Ausgaben für den Trip zum Viertelfinale in Kapstadt vorwerfen, dann sollte nicht der Bundesinnenminister wortreich seine Kanzlerin in Schutz nehmen. So jemand holt man mit einem sauberen Bodycheck von den Füßen.