Die spinnen, die Finnen

20. July 2015

Also gut, manchmal versteht man die Griechen nicht, egal welchen Experten in den Talkshows man zugeneigt ist. Sogar diejenigen, die fließend altgriechisch sprechen und Yanis Varoufakis für einen direkten Nachkommen von Platon halten, geraten argumentativ ins Straucheln. Aber mal ehrlich, wer versteht denn die Finnen, wenigstens die an der Spitze von Nokia?

Kaum verwunderlich, könnte man meinen, bewegen sich die Finnen doch außerhalb des in Europa dominierenden indogermanischen Sprachraums. Ihr Idiom gehört zum  ostseefinnischen Zweig der finno-ugrischen Sprachen, einer der beiden Unterfamilien des Uralischen. Das ist lediglich eng mit dem Estnischen und entfernt mit dem Ungarischen verwandt. Trotz der Jahrhunderte währenden Nähe zu den europäischen Nachbarn stellen unter anderem die 15 Fälle im Finnischen offenbar immer noch eine erhebliche Sprachbarriere dar.

Nun hat sich die Globalisierung von Sprachgrenzen nie wirklich aufhalten lassen. So wurde Nokia in den 80er Jahren schon mit Autotelefonen bei Nutzern erfolgreich, die sich in Sprachen mit maximal sieben Fällen verständigten. Von 1987 an fluteten die Finnen aus Espoo den Rest der Welt mit dem ersten wirklich tragbaren Mobilfunktelefon. Nach ersten Fehlverbindungen, die möglicherweise aus der unorthodoxen Übertragung der finnischen Bedienungsanleitung resultierten, sprach 2008 fast jeder zweite Handy-Benutzer (Marktanteil Nokia: 40 Prozent) in einen Apparat aus dem hohen Norden.

Bis dahin hatte die Erfolgswelle den vorwiegend harschen Ton des Kommunikationskonzerns im Umgang mit Mitarbeitern und Märkten in der Wahrnehmung der Standortpolitiker überspült. Der plötzliche Beschluss, das Werk in Bochum mit 3000 Mitarbeitern zu schließen, um die billigeren Löhne in Rumänien für die Renditesteigerung zu nutzen, offenbarte dann aber erhebliche Schwächen in der Disziplin verbindliche Kommunikationstechniken.

So musste die begleitende Agentur am Abend vor Bekanntgabe der Werksschließung im nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium anrufen und ausrichten, dass morgen etwas Wichtiges verlautbart werde, man könne aber nicht sagen was. Die zuständigen Minister sollten aber am besten alle Termine absagen und sich dafür freihalten. Am nächsten Morgen ging die durchaus industriefreundliche CDU/FDP-Regierung nach Veröffentlichung der Meldung auf brutalst-möglichen Konfrontationskurs. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers brandmarkte den Handy-Konzern wegen der einst gezahlten Fördermillionen als „Subventions-Heuschrecke“.

Im rumänischen Cluj, das die Finnen mit großzügigen Vorleistungen angelockt hatte, zeigte sich drei Jahre später, dass rüder Umgang zum zentralen Geschäftsgebaren von Nokia gehört. Die rumänische Regierung verhandelte allerdings nicht lange. Sie beschlagnahmte schlicht das Werk, das Nokia verscherbeln wollte, um nach Vietnam weiterzuziehen und erzwang so die Zahlung einer ausstehenden Steuerschuld von zehn Millionen Dollar.

Verstrickt in solche Auseinandersetzungen und auch wegen einer trotz 15 Fällen suboptimalen Kommunikationstechnik, verpasste Nokia die rasante Entwicklung auf dem Gebiet der Smartphones. Der Marktanteil bei Handys landete innerhalb kürzester Zeit  bei rund sieben Prozent. Schließlich fokussierte sich der Konzern auf Mobilfunknetze und digitale Karten, die Handy-Sparte verkaufte er 2014 an Microsoft. Die Amerikaner aber gaben jetzt die Abschreibung von 7,6 Milliarden Dollar auf die Handy-Sparte und die Streichung von 7800 Stellen bekannt.

Die nächste Hoffnung: ab 2016 darf Nokia den eigenen Namen wieder für Smartphones nutzen und plant neue Modelle – Produktion, Marketing und Vertrieb soll aber ein chinesisches Unternehmen übernehmen. Chinesen gehören zwar auch nicht zum indogermanischen Sprachraum, aber vielleicht treffen sie den richtigen Ton.